Ideenfabrik Christmesse

Alle Jahre wieder, spätestens bei der gemütlichen Kaffeerunde zum ersten Advent, startet Kumpel Harald mit seinem Kreuzzug. Und jedes Jahr erwischt es mich wieder überaus unvorbereitet, sodass ich mich alljährlich am krümeligen Buttergebäck seiner verehrten Gattin Hiltrud verschlucke. Es ist ihm anscheinend ein großer Dorn im Auge, dass ich mich Jahr für Jahr der familiären Polonaise am Heiligen Abend zur örtlichen Christmesse verwehre. Aber dieses Jahr, ja dieses Jahr bin ich vorbereitet und will ihm dieses Stechen im Auge nehmen. Weil ich hab’ es einfach satt, mich immer wieder seinen vehementen Bekehrungsarien stellen zu müssen. Also willige ich jetzt einfach mal ohne Widerworte ein, als man mich bittet, an Heiligabend mit in die Kirche zu kommen – einfach so.

Is’ schon drollig, wie doof der Harald jetzt aus der Wäsche schaut und die Hiltrud gleich mit ihm – also aus ihrer eigenen Wäsche natürlich. Sie hatten sich wohl schon ihre diesjährige Rede parat gelegt, so in Richtung »Vorbild für’s Patenkind« und »Vertreter des Glaubens«, weil ich doch schließlich anständig getauft wurde und so weiter. Aber nix davon, weil ich war ja vorbereitet. Schön wie ruhig es deshalb dieses Jahr am Kaffeetisch ist. Da fehlen wohl allen die Worte. Is’ ja auch mal ganz schön so’n andächtig-meditatives Kaffee-Schweige-Ründchen.

Und kaum vier Wochen später isses dann auch schon soweit. Mein Premierenauftritt in der Kirche »St. Spekulatius« zu Gugelhupfing. Der Harald nebst Kind und Kegel is’ mal so richtig fein rausgeputzt, aber holla. So richtig mit Hemd und Sakko und Fliege und allem Zipp und Zapp. Und Hiltrud erkenne ich erst gar nicht in ihrem schwarzen Kleid, mit offenen und frisch aufgeflufften Haaren und eben ohne ihren üblichen karierten Putzkittel. Dagegen kann ich jetzt mit Jeans und Strickjacke nicht so recht anstinken. Aber die Jeans is’ schon noch recht neu, und die Jacke auch erst letztens mal gewaschen, glaube ich.

Schaue mich staunend um. Is’ ganz schön was los, hier so anner Kirche, mein lieber Herr Gesangsverein! Aber der Harald und seine Anhänge haben dafür wohl eher nichts übrig. Sie zetern nur leise vor sich hin über die »Scheinheiligen-Nur-An-Heiligabend-Kirchgänger«. Verstehe nicht so ganz, was das Problem daran ist. Einmal pro Jahr ist doch auch eine Regelmäßigkeit, nur eben mit längeren Leerlaufzeiten dazwischen. Der Harald will das aber irgendwie nicht hören und zetert weiter über volle Sitzbänke und mangelnden Platz für die »echten« Kirchenanhänger. Ah ja, es gibt also echte und unechte Kirchgänger. Fange an, das Prinzip zu verstehen. Ich bin dann wohl auch aus der Kategorie »unecht« mit meinem heutigen Gastauftritt – dem ersten seit meiner Kommunion. Als »Echter« würde ich wohl auch stinkig auf mich sein, weil ich mir quasi selber den Platz wegnehmen würde. »Daran muss man doch mal arbeiten, muss man doch«, entrüste ich mich innerlich, angesteckt durch Haralds schlechte Laune. Der Gedanke einer lukrativen Geschäftsidee fängt an, sich in meinen Hirnwindungen zu formen.

Kann den Gedanken aber gerade nicht weiter verfolgen, weil die Kirchentür aufgeht und sich damit ein Ruck durch die Menge bewegt, das kann man sich gar nicht vorstellen. Da wird geschoben, gedrängelt und geboxt, dass ich mich kurz an den Einlass zum Michael Jackson Konzert, damals, vor 20 Jahren, erinnert fühle. Ob es hier auch Stehplätze direkt hinter den Drängelgittern für die ganz großen Groupies gibt inklusive Security, die die Ohnmächtigen aus der Menge zieht? Kann mich da echt gerade nicht mehr an meine Kommunionszeit erinnern.

Keine 15 Minuten und mindestens 143 blaue Flecken später haben wir dann auch tatsächlich einen ganz annehmbaren Platz in der fünften Reihe gefunden. Harald und Gattin sind auf jeden Fall jetzt wieder etwas freundlicher gestimmt. Ich sitze aber schon recht beengt zwischen meinem Kumpel zu meiner Linken und dem ortsansässigen Oberförster zu meiner Rechten. Zumindest trägt der Herr recht viel olivgrün und seine Knie ziert ein grüner Filzhut mit Gamsbart-Puschel oder so. Ja, der Hut ziert die Knie, weil Kirche und Kopfbedeckung runter und so.

Die Vorstellung – äh, Messe – beginnt dann auch kurze Zeit später mit einem lautstarken Orgelsolo der hauseigenen Organistin. Das lässt sich ja schon mal ganz gut an. Och, und überhaupt – is’ ja eigentlich ganz gemütlich hier. Draußen stürmt und regnet es inzwischen und hier isses doch ganz angenehm muckelig zwischen alle den Menschen mit dicken Daunenjacken. Fast wie im heimischen Schlafzimmer zwischen Daunenkissen und Federbett. Och ja, so ein Bett, denk ich noch so … Inzwischen tönt zarte Harfenmusik durch die Halle. Die is’ jetzt auch durchaus kuschlig in den Ohren … Kann ja mal kurz die Augen zumachen. Soll ja helfen beim Konzentrieren, wenn man nur das Sinnesorgan auf Empfang schaltet, was jetzt gerade am dringendsten benötigt wird. Also Augen zu und volle Energie auf die Ohren. Ach schau, ja, hört sich doch gleich noch viel doller an. Noch viel flauschiger im Abgang gen Trommelfell. So mit Augen zu lenken die ganzen weihnachtlich aufgestrapsten Mitmenschen um mich rum gar nicht mehr so ab. Da kann ich ja noch mal auf den Blitz-Gedanken von eben zurückkommen. Den mit der Geschäftsidee. Tauche dann auch schon ab in meine Gedankenwelt.

Man könnte ja zum Beispiel eine Art Club gründen. Einen Namen habe ich da auch schon spontan im Kopf: das A-Team. Jetzt weniger in Anlehnung an eine zu meiner Jugendzeit bekannte, gleichnamige TV-Serie. Ne, einfach wegen A wie in »Amen«. Passt doch gut. Und wenn ich’s mir recht überlege – gewisse Parallelen zur Serie gibt’s schon auch. Da gab’s damals auch einen Anführer, der seine Ideen gerne selber lobte mit den Worten »ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert«. Und so rein kirchlich gesehen wird ja auch immer vom Sinn und Zweck des großen Ganzen gefaselt und dem göttlichen Plan hinter allem. Im TV war außerdem immer so ein großer, kräftiger, starkpigmentierter zu sehen, der den Bösen mächtig eins auf die Backen gegeben hat. Und im kirchlichen Sinne gibt’s mit dem ebenfalls dunkel daherkommenden Teufel ja auch einen, der den Bösen zeigt, wo’s lang geht. Ja, gut, »A-Team« ist wirklich eine ganz hervorragende Namenswahl, überaus hervorragend. »Dass darauf noch kein anderer gekommen ist«, wundere ich mich noch so im Stillen.

Ich sprudle förmlich über vor Ideen. Das liegt bestimmt am vielen Weihrauch hier in der Luft. Is’ ja bekannt, dass manche Drogen die Sinne erweitern. Und da kommt mir auch noch eine Idee … Die Kirchen beschweren sich doch immer darüber, dass die Leute nur an Weihnachten in ganzen Heerscharen herbeigepilgert kommen. Da müsste man doch mal was machen, um nur den Schäfchen Zugang zum Gotteshaus zu gewähren, die sich diesen auch redlich verdient haben. Man könnte zum Beispiel mit einem Bonussystem arbeiten. Ja, jeder bekommt zwischen Januar und Anfang Dezember beim Verlassen der Kirche ein kleines Kreuz in ein speziell angefertigtes Bonusheft gestempelt. Und nur, wer bis Anfang Dezember zwölf Stempel in seinem Heftchen hat und damit brav jeden Monat mindestens einmal in der Kirche war, hat sich für den Eintritt zur Messe am Heiligen Abend qualifiziert. Und falls dann dennoch einige der begehrten Plätze in den überaus unbequemen Kirchenbänken unbesetzt bleiben sollten, kann man in einem großen Preisausschreiben die Restplätze »Last Minute« verlosen. Mit einem Bibelquiz oder so. So’n bisschen Fachwissen sollten die Leute ja schon mitbringen, wenn sie sich schon in die heiligen Gotteshallen trauen.

Und wenn man das ganze dann noch weiter spinnt, könnte man für die Streber unter den Stempelsammlern – also sagen wir mal für alle, die pro Jahr mindestens 36 Stempel gesammelt haben – eine Art »All Access Pass« als Belohnung vergeben. So mit ausgewähltem »Behind the Scenes« Material, wie zum Beispiel Einladungen zum exklusiven Anrühren des Weihrauch-Potpourries für das Schwenkkännchen des Priesters oder so. Diesen besonders ehrenhaften Mitgliedern des A-Teams könnte man dann auch ein besonderes Vorverkaufsrecht einräumen, wenn es um die Vergabe der besten Sitzplätze in den Sonntagsmessen geht oder eine Kaffee- und Tee-Flatrate inklusive Bedienung direkt am Sitzplatz während der Messen.

Außerdem könnte man auch darüber nachdenken, einen Newsletter mit exklusiven Bibelstellen an alle registrierten Mitglieder des A-Teams zu verschicken. Die Urheber der Bibeltexte und deren unmittelbare Nachkommen dürften alle längst über den Jordan sein, sodass man diese Textquellen sicher ohne Klagerisiko und Plagiatsanschuldigungen ausschlachten könnte.

Schrecke hoch, weil der Waldschrat neben mir für sein Skelett nicht ausreichend Platz auf seinem Stuhl findet und deshalb permanent mit seinem Knie gegen meines donnert. Fühle mich merkwürdig beobachtet. Lege noch schnell die Eckdaten meiner gerade ersonnenen wahnsinns Geschäftsidee ins Langzeitgedächtnis und will dann den Förstermeister zurechtweisen. Kaum auszumalen, wenn ich wegen seiner Schlotter-Knie jetzt einen essenziellen Teil meines Business-Plans vergessen hätte.

Öffne dann doch mal wieder die Augen und staune nicht schlecht – auch mit den Ohren. Denn es ist jetzt irgendwie doch recht still geworden. Nix Harfengezupfe mit Schlafgesang und so. Irgendwas scheint die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf sich gezogen zu haben. Zumindest blickt Schlotterknie und sein Sitznachbar sowie auch dessen Nachbar und eigentlich auch die ganze Reihe davor um nicht zu sagen die ganze in meinem Blickfeld liegende Menschenmenge mit etwas verengten Augenpaaren in meine Richtung. Drehe mich um, um auch zu sehen, was so interessant ist, kann aber hinter mir nichts erblicken. Scheine schief gesessen zu haben. Meine linke Seite schmerzt. Könnte aber auch an dem Ellenbogen liegen, den mir mein Kumpel von Links zwischen die Rippen haut. Der Saal is’ aber auch echt verdammt eng bestuhlt.

Will das Detail von mehr Bein- und Rippenfreiheit gerade noch ergänzend zu den »All-Inclusive-Leistungen« der A-Team Mitgliedschaft ins Langzeitgedächtnis schreiben, als der Kumpel etwas verbissen einen Zischlaut produziert. Schaue fragend vom Ellenbogen hoch zum Zischmund und finde mich mit einer überaus gequält dreinschauenden Visage konfrontiert. „Alter, du schnarchst, dass sich die Balken biegen!“, dringt es vollkommen unsichtbar über seine Lippen. Wusste gar nicht, welches bauchrednerische Talent in Harald schlummert. Vielleicht kann man daraus ja auch noch eine »All-Inclusive-Leistung« stricken: »Die Predigt – Extended Edition« – vom Bauchredner gebauchrednert und dazu dann einen exklusiven Untertitel auf einer hochauflösenden Großleinwand, um auch die gehörlosen Club-Mitglieder in den vollen Genuss der Predigt kommen zu lassen. In meinem Club soll ja schließlich niemand diskriminiert werden.

Und dann folgt auch schon das Vaterunser und damit das Ende der Messe. Mensch, hier wird ja kurzer Prozess gemacht. Die Zeit is’ buchstäblich wie im Schlaf vergangen hier. Da müsste meinen Club-Mitgliedern aber schon mehr Programm für ihr Geld geboten werden. Der Priester da vorne wird also schon mal nicht zum Bauchredner-Casting geladen.

So schnell und drängelnd, wie es eben in die Kirche rein ging, schiebt die ganze Meute sich nun auch wieder zurück nach draußen. Sehe förmlich über allen Köpfen die Gedanken an Geflügelkeulen und Klöße schweben. Kann einen schon motivieren, die Aussicht auf ein gutes Essen, jaja.

Als ich mich dann im Getümmel so am Kollekten-Inkasso vorbei schummeln will, kommt mir noch eine blendende Idee: Collectibels statt Kollekte! Die Superhelden aus der Bibel zum Sammeln und Tauschen. Und wer fleißig in die Kirche geht und alle Helden zusammen hat, hat damit auch das Quartett zum Buch – also zur Bibel – parat. Da muss ich mir dann wohl noch im Detail Gedanken machen über die Spielregeln: Ist jetzt eher die Fähigkeit, Wasser in Wein zu verwandeln oder die, das Tote Meer teilen zu können, höher im Rang der Superkräfte anzusiedeln? Puh, da kommt noch ’ne ganze Menge Arbeit auf mich zu, bis ich die ersten Club-Mitglieder werben kann. Denke lieber morgen weiter darüber nach. Jetzt wartet erst mal der Gänsebraten. Oh du fröhliche Weihnachtszeit!

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